EINE ARVENWANDERUNG

PASS DAL FUORN – S-CHARL – SCUOL – S-CHANF – LA PUNT – SAMEDAN

 

Es ist schon Mittag. Nach langer Bahn- und Busfahrt sind wir auf dem Pass dal Fuorn, dem Ofenpass, angekommen. Wir atmen tief durch und schreiten aus.  Wir wollen den höchstgelegenen Arvenwald Europas besuchen mit dem urtümlichen Namen God Tamangur. Der Liedermacher Linard Bardill hat ihn besungen und die Schriftstellerin Leta Semadeni gab ihrem preisgekrönten Roman seinen Namen. Der Arvenwald Tamangur gehört den Ahnen, den Bürgern von Scuol und vor allem sich selbst, seit er geschützt ist.

Hier über der Waldgrenze trotzen die windzerzausten und verknorzten Arven den extremen, klimatischen Bedingungen. Bäume, die viel von ihrem zähen Überlebenswillen über 2000 m Höhe erzählen. Bald erreichen wir den Tamangur. Wir tauchen ein in das frische, satte Grün der Arven. Darunter schimmern tote, silbrig glänzende Stämme und Wurzeln, reglosen Gestalten gleich. Die Zeit steht still im Tamangur. Dann, auf einmal krächzt es. Ein raues, heiseres Krächzen.

Es dunkelt langsam ein. Die Wanderung ist strenger, als wir dachten. Es regnet seit dem Tamangur ununterbrochen. Die Finger werden klamm. Endlich kommen wir in S-charl an und betreten müde und hungrig das Berghotel. Ein frischer, balsamischer Duft umfängt uns in der 400-jährigen Arvenstube, mild und klar zugleich. Wir sehen uns verwundert an. Von diesen Stuben haben wir gehört, aber ihr Geruch ist eine ganz neue Erfahrung – wohltuend und entspannend.

Wir freuen uns auf das Essen. Bevor wir es uns in der Arvenstube gemütlich machen, geniessen wir ein Bad mit Arvenöl. Unsere müden Beine regenerieren, wir lassen Gerüche und Bilder des Tages Revue passieren und fühlen uns rundum wohl.

Das Essen hat gemundet. Auch die Engadiner Torte war ein besonderes Erlebnis. Wir geniessen sie in der «Urform» mit Arvennüssen anstelle der gewohnten Baumnüsse.
Wie wir uns im Arvenzimmer hinlegen, fühlt es sich an, als ob wir auf einer Moosdecke im Wald liegen. Der Duft wirkt wie eine sanfte Aromatherapie. Umhüllt von diesem einzigartigen Parfum fallen wir in tiefen Schlaf, die Bilder der urtümlichen Landschaften in uns.

Wir haben tief und fest geschlafen im Arvenzimmer. Erholt und freudig machen wir uns an das Frühstücksbuffet.

Am Vormittag wandern wir durch einen Mischwald von Lärchen und Tannen nach Scuol. Das heisere Krächzen des Tannenhähers begleitet uns hinunter. Wir wollen aber noch mehr erfahren über die Arven und ihre Verarbeitung.

Mit der Rhätischen Bahn zuckeln wir über Lavin und Zernez nach S-chanf.

Im gemeindeeigenen Sägewerk von S-chanf fällt uns neben dem sehr intensiven Arvengeruch das Logo des «GOD» Mondholzes auf. Dass «GOD» Wald heisst, wissen wir nun, das Wort Mondholz macht uns neugierig.

Der Revierförster nimmt sich Zeit und erzählt von der nachhaltigen Nutzung der Arven, die auch von Jahreszeit und Mondphase bestimmt ist.

Die nächste Etappe führt uns nach La Punt Chamues-ch. Wir kehren für einen Kaffee ein und sind verblüfft. Da steht tatsächlich ein mehrgängiges Arvenmenü auf der Tafel der Gastwirtschaft. Auf der Weiterreise geben wir uns kulinarischen Träumen hin: Köstliche Consommé von Waldpilzen und Arvennadeln, Bachforellenfilet im Arvenholz gegart, Birnen in Arvensirup eingelegt…

Schliesslich erreichen wir Samedan. Ein letztes Mal fliegt vor uns, wie zum Abschied, der Tannenhäher hoch. Der Revierförster hat uns den Tipp gegeben, für ein Souvenir die Werkstatt Ufficina zu besuchen. Der Besuch lohnt sich.
Es findet sich für alle etwas.

Wir sind am Ende unserer Arventour angekommen. Die Bilder, die Bäume und vor allem der Duft bleiben uns in fester Erinnerung. Ein Stück des edlen Holzes und ein Fläschchen mit Arvenöl sollen uns erinnern und wohl tun im Unterland.